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"Pädophilie" als kollektives Phantasma - Anmerkungen zum katholischen "Sexskandal" (Mai 2002)

von Kurt-Werner Pörtner

Der Sexskandal um katholische Priester in den USA, die Jugendliche und Kinder sexuell missbraucht haben sollen, schlägt derzeit hohe Wellen (als ich im März 2002 in den USA war, gab es in den dortigen Medien kein anderes Thema mehr).

Selbst der Vatikan, der lange dazu geschwiegen hat, sieht sich nun

genötigt, zu diesem Thema Stellung zu beziehen; der Druck der Medien

wurde zu stark. Ich werde allerdings in dem nun folgenden Artikel nicht

in den Unisono-Mainstream-Singsang einstimmen und mich an der

kollektiven Verdammung der "Pädophilie" beteiligen. Und zwar nicht,

weil ich eine Lanze für Pädophile brechen will, sondern weil ich den

gesamten öffentlichen Diskurs über dieses (Un-)Thema für rettungslos

verlogen und grenzenlos heuchlerisch halte. Ich halte, mit einem Wort,

den "Pädophilie" genannten Themenkomplex für ein kollektives Phantasma,

das Züge eines "postmodernen" Hexenwahns und Exorzismus' mit

faschistoiden Zügen trägt, und ich werde in der Folge auch begründen,

warum.

Der öffentliche Diskurs in den Medien hat mit dem realen Alltagsleben

und -erleben der Menschen nicht allzu viel zu tun; und dementsprechend

hat das tatsächliche Sexualverhalten der Bevölkerung mit dem

massenmedialen Gerede darüber wenig bis nichts gemein. Umso mehr sind

die öffentlichen Medien Spiegelbild kollektiver Phantasmen und

Vorurteilssyndrome, die der Abfuhr von gemeinschaftsstiftenden

Aggressionen und der Installierung von allgemein akzeptierten

Feindbildern dienen, die den zweifachen Vorteil besitzen, 1.)

verdrängte eigene Gefühle unter dem Vorwand moralischer Empörung doch

ausleben und 2.) sadistischen Straflustphantasien unter allgemeiner

Billigung und Duldung freien Lauf lassen zu dürfen. Dafür eignet sich

eine bestimmte Form von öffentlichem Diskurs besonders gut, den man den

"postmodernen Opferkult" nennen könnte.

Man kann sich des Eindrucks immer weniger erwehren, dass es heutzutage

einen Vorteil verspricht, auf irgendeine Weise "Opfer" zu sein. Die

Palästinenser sind "Opfer" der Israelis, Prominente "Opfer" der

Pressemeute,  die Arbeitssklaven genannt "Mitarbeiter" "Opfer" von

Mobbing, die Frauen "Opfer" der  Männer, die Kinder "Opfer" von

sexuellem Missbrauch - usw. usf. Alles reißt sich geradezu darum, den

Opferstatus zu erlangen. Den Gipfelpunkt stellen zweifelsohne  religiös

motivierte politische Fanatiker dar, die es noch eine Stufe

weitertreiben und vom "Opfer" zum "Märtyrer" aufsteigen. In der

Familiengalerie der Palästinenser besitzen die "Märtyrer" einen

Ehrenplatz, nachdem sie sich und den "zionistischen Feind" vorher via

Sprengstoffgürtel in die Luft geblasen haben. Es heißt nicht mehr: viel

Feind, viel Ehr, sondern: ich schenk dem Führer einen Märtyrer. Was

schrankenlose Bewunderung hervorruft, samt der endlosen Meute der

Klageweiber.

Das postmoderne "Opfer" ist nicht gleichzusetzen mit einem realen Opfer

einer Vergewaltigung, eines Kriegsverbrechens oder eines Missbrauchs.

Das "Opfer" im Irrgarten der postmodernen Phantasmen ist ein Produkt

der kollektiven Einbildungskraft, ein "Gesellschaftlich-Imaginäres", um

mit dem französischen Psychoanalytiker Cornelius Castoriadis zu

sprechen.1 Das "Opfer" ist ein Hirngespinst und eine strategische

Option gleichzeitig: denunziatorische Leidenschaft und Spielmarke in

den alltäglichen Gesellschaftsspielen um Macht, Einfluss und

(ideologische) Hegemonie. Das Gesellschaftlich-Imaginäre ist

kulturelles Kapital (im Sinne von Bourdieu2), symbolische Ressource und

"Investitionsmittel" im Kampf um gesellschaftliche Positionen und

sozialen Status.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan äußerte mal, und wurde

dafür von allen Seiten angegriffen: "Die Frau existiert nicht." Das war

jedoch kein antifeministisches Macho-Statement oder ähnlicher Nonsens,

sondern die schlichte Beschreibung der Tatsache, dass im

psychoanalytischen Diskurs traditionell Freud'scher Prägung "die Frau"

als positive Entität einfach nicht vorkam, im symbolischen Netz

höchstens ein Negativum (den "Penisneid") repräsentierte. Aber wenn

etwas (hier im unfreiwillig doppelten Wortsinn) nur ein "Loch" im

symbolischen Gefüge darstellt, mutiert es sehr schnell zum

"Un-Beschreiblichen", zum "Un-Benennbaren", zum "Tabu" (im Sinne von:

etwas worüber man nicht spricht). Die Realität wird so zum

"Unbeschreiblichen", zum "Un-Heimlichen", gar zum "Un-Möglichen".

So existieren im postmodernen Diskurs die realen Körper des Begehrens,

aber auch des Angewidert- und Abgestoßen-seins gar nicht mehr; dies

gilt für alle Formen von Erotik und Sexualität. Deshalb kann man

ruhigen Gewissens auch behaupten, dass in diesem Sinne die "Pädophilie"

nicht existiert. Sie ist keine positive Entität, keine eigenständige

Form des Begehrens, sondern im postmodernen "Perversitätendiskurs" der

Ersatz für etwas Anderes, wobei allerdings gleichzeitig seltsam un-

oder zumindest unterbestimmt bleibt, was dieses "Andere" sein soll.

"Pädophilie" (wie früher Homosexualität, Sadismus, Fetischismus etc.)

wird im zeitgenössischen psychotherapeutischen Diskurs (der >den<

"postmodernen" Diskurs schlechthin darstellt) als defizienter Modus

angesehen, als fehlerhafte Bewältigungsstrategie einer fehlgeschlagenen

"Triebgeschichte", individuellen Sexualentwicklung o. ä. Die

rhetorischen Strategien, mit deren Hilfe die "Pädophilie" zum

defizitär-kriminellen "Triebkomplex" gemacht wird, sehen dabei

denjenigen verblüffend ähnlich, mit denen früher die "Homosexualität"

zum "asozial-widernatürlichen Trieb" minimiert und abqualifiziert

wurde. Lesen Sie dreißig oder vierzig Jahre alte Abhandlungen über

Homosexualität (gleichgültig, ob psychoanalytischer, -therapeutischer

oder moraltheologischer Provenienz) und ersetzen Sie das Wort

"Homosexualität" durch "Pädophilie": Sie werden verblüfft sein, wie

sehr die Argumente sich ähneln, die Beschreibungen und Wertungen, und

wie aktuell dadurch plötzlich wieder Texte werden, die man längst für

überholt, altbacken und den "Schnee von gestern" hielt.

Wie das? Ein Zitat gefällig? "Die Homosexualität dient der Verdrängung

eines zentralen Kernkomplexes: dieser besteht in dem Drang, auf eine

präödipale Fixierung zu regredieren, in welcher der Wunsch, aber auch

die Furcht vorherrscht, mit der Mutter zu verschmelzen, um die

primitive Mutter-Kind-Dyade wiederherzustellen."3 Dieses Zitat aus

einem 30 Jahre alten Artikel, der zudem noch die Homosexuellen vor

pseudo-wissenschaftlichen Denunziationen in Schutz nehmen wollte, zeigt

überdeutlich auf, wie noch Anfang der 70er Jahre selbst in

"progressiven" Kreisen über Homosexuelle gedacht wurde. Und erinnert

das nicht auf frappierende Weise an die "analytischen" Zuschreibungen,

die heutzutage mit Bezug auf Pädophile getätigt werden? "Pädosexualität

stellt eine Form narzisstischen, emotionalen Missbrauchs des Kindes

durch den Erwachsenen dar... Daher ist es nötig, pädosexuellen Männern

und Frauen durch professionelle beraterische oder therapeutische

Angebote die Möglichkeit zur Auseinandersetzung und Veränderung ihrer

für Kinder schädlichen Haltung zu machen. Wichtige Themen dürften dabei

(sein) >Grenzen wahrnehmen und respektieren< und dem Einüben und

Kennenlernen anderer, nicht missbrauchender Möglichkeiten der eigenen

emotionalen Bedürfnisbefriedigung, einschließlich sexueller

Bedürfnisse."4

Bei der "Definition" dieser "Grenzwahrnehmung" kommt derselbe anonym

bleibende Artikelschreiber aber schon arg ins Schlingern:

"Pädosexualität5 äußert sich eher selten in den brutalen und

gewalttätigen Formen, von denen wir mehrmals im Jahr aus den Medien

erfahren. Der weit überwiegende Teil von Pädosexualität verläuft in

eher >liebevoll< gefärbten Kontakten des Erwachsenen zum Kind. Und hier

gibt es sicherlich auch eine mitunter unscharf (verlaufende) Grenze

zwischen >gesunden< auch zärtlichen und körperlichen Kontakten zwischen

Erwachsenen und Kind, z. B. der Mutter und dem Vater beim Schmusen mit

ihrem fünfjährigen Sohn und dem übergrifflichen, das Kind ausnutzenden,

ausbeutenden, missbrauchenden und grenzverletzenden Verhaltens des

Erwachsenen gegenüber dem Kind."6

In den Klinisch-diagnostischen Leitlinien wird Pädophilie unter Punkt

F65. 4 aufgeführt. Die Definition, die dieser klinisch-diagnostische

Leitfaden aufzubieten hat und der immerhin gleichsam die offizielle

Version der klinisch orientierten Psychologie zu dieser Thematik

darstellt, ist an konfuser Begriffsverwirrung und Unschärfe kaum zu

überbieten:
"Pädophilie: Sexuelle Präferenz für Kinder, die sich zumeist in der

Vorpubertät oder im frühen Stadium der Pubertät befinden. Manche

Pädophile haben nur an Mädchen, andere nur an Knaben Interesse. Wieder

andere sind sowohl an Mädchen als auch an Knaben interessiert.7
Pädophilie kommt selten bei Frauen vor. Kontakte zwischen Erwachsenen

und bereits geschlechtsreifen Jugendlichen werden gesellschaftlich

nicht gebilligt, vor allem, wenn es sich um gleichgeschlechtliche

Kontakte handelt: diese sind aber nicht notwendigerweise

gleichbedeutend mit pädophilen Kontakten. Ein einzelner Vorfall erfüllt

die für die Diagnosenstellung geforderte anhaltende oder vorherrschende

Veranlagung nicht, insbesondere wenn der Handelnde selbst noch ein

Jugendlicher ist. Unter den Pädophilen gibt es auch Männer, die

eigentlich erwachsene Sexualpartner vorziehen, bei der Aufnahme

geeigneter Kontakte aber dauernd frustriert werden und sich deshalb

ersatzweise Kindern zuwenden. Männer, die ihre eigenen Kinder im Alter

der Vorpubertät sexuell belästigen, nähern sich manchmal auch anderen

Kindern, in beiden Fällen handelt es sich um Pädophilie."8

Daraus werden folgende "Forschungskriterien" abgeleitet:
"A. Die allgemeinen Kriterien für eine Störung der Sexualpräferenz

(F65) müssen erfüllt sein.
B. Anhaltende oder dominierende Präferenz für sexuelle Handlungen mit

einem oder mehreren Kindern vor deren Pubertät.
C. Die Betroffenen sind mindestens 16 Jahre alt und mindestens fünf

Jahre älter als das Kind oder die Kinder."9

Dieses offensichtliche Herumgeeiere mit begrifflichen

Operationalisierungen, die bei näherem Hinsehen keiner

wissenschaftlichen Validierung bzw. Verifikation standhalten, soll die

Konfusion nur vertuschen, die in unseren "aufgeklärten" Breiten immer

dann entsteht, wenn "abweichendes" Sexualverhalten schematisiert und

dem "kontrollierenden" Blick der "Normalisierer" überantwortet werden

soll.10

Michael Hardt/Antonio Negri schreiben in ihrer berühmt gewordenen

Studie Empire, dass die globale Weltgesellschaft auf dem Wege sei, zur

alles umspannenden Kontrollgesellschaft zu werden.11 Dabei kommt es

weniger wie in der früheren Disziplinargesellschaft darauf an, die

unbewussten Bestrebungen und verborgenen Motivationen von "Tätern" ans

Licht zu bringen, als vielmehr darauf, die beobachtbaren

Verhaltensweisen, soweit sie nicht regelkonform oder illegal sind,

aufzuspüren, zu "entlarven" und zu sanktionieren. Untrügliche Anzeichen

für ein solch heraufdämmerndes "globalisiertes" Kontrollregime, das

sich inmitten der bürgerlichen Gesellschaft fast schon wie ein

Krebsgeschwür ausbreitet und Überwachungsmöglichkeiten schafft, von

denen Gestapo, Stasi oder KGB nur träumen konnten, sind die wachsende

Videoüberwachungsmanie in öffentlichen Räumen und die zunehmende

Tendenz bei wohlhabenden und reichen Leuten, sich freiwillig in

umfassend überwachte Hochsicherheitszonen zurück zu ziehen, die von der

Außenwelt total abgeschottet sind.12 Dieses Kontrollregime kann

durchaus mit einem Auswuchern gewaltoffener, entstaatlichter und

privatisierter Territorien einhergehen, wo Warlords oder mafiotische

Machtstrukturen herrschen, das staatliche Gewaltmonopol de facto nicht

mehr existent ist und weitgehend durch privatisierte Polizei oder

Söldnerarmeen ersetzt worden ist.13

Hardt/Negri schreiben über die neu heraufziehende Kontrollgesellschaft,

die auch ein Reflex darauf ist, dass diese Erde immer unbewohnbarer

wird:
"Heutzutage nun ist die bürgerliche Gesellschaft oder Zivilgesellschaft

nicht mehr geeignet, die Vermittlungsfunktion zwischen Kapital und

Souveränität14 zu übernehmen. Die sie konstituierenden Strukturen und

Institutionen vergehen immer stärker. An anderer Stelle haben wir

bereits ausgeführt, dass dieser Niedergang mit dem Verfall der

Dialektik zwischen kapitalistischem Staat und Arbeit in Zusammenhang

steht, das heißt, mit dem Verfall der Rolle und Bedeutung von

Gewerkschaften, mit dem Rückgang kollektiver Verhandlungen und mit der

zerfallenden Repräsentation von Arbeit in der Konstitution... Im

Verschwinden der Zivilgesellschaft kann auch eine Parallele zum

Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft erkannt werden.

Die gesellschaftlichen Institutionen, die die Disziplinargesellschaft

konstituieren, wie Schule, Familie, Klinik, Fabrik, die zum großen Teil

identisch mit oder ähnlich denen sind, die man als Zivilgesellschaft

zusammenfasst, stecken heute überall in der Krise. Mit dem Einsturz der

Mauern dieser Institutionen breiten sich die Logiken der Subjektwerdung

und Unterwerfung aus, die zuvor in ihrer Wirksamkeit auf diese Räume

begrenzt waren, verallgemeinern sich im gesellschaftlichen Feld. Der

Zusammenbruch der Institutionen, das Verschwinden der Zivilgesellschaft

und der Niedergang der Disziplinargesellschaft bedeuten alle eine

Glättung der Einkerbungen im gesellschaftlichen Raum der Moderne. Hier

entstehen die Netzwerke der Kontrollgesellschaft."15

Die Ausdehnung der Kontrollgesellschaft auf Kosten der

Disziplinargesellschaft bedeutet keineswegs das Ende der

Selbstdisziplin der Subjekte - im Gegenteil, Gefängnis-, Schul- und

Fabrikdisziplin verweben sich, so Hardt/Negri, "in einer hybriden

Produktion von Subjektivität."16 Wobei es allerdings auch immer mehr zu

"Kurzschlüssen" in der Subjekt-"Produktion" zu kommen scheint: im Falle

eines der bizarrsten Figuren des Gesellschaftlich-Imaginären der

Kontrollgesellschaft, des "Kinderschänders", nimmt dies Formen an, die

von öffentlicher Aufforderung zur Lynchjustiz kaum noch zu

unterscheiden sind; dies kann auch für die vielbeschworenen "Opfer"

mitunter fatale Folgen haben. Der Hamburger Sexualwissenschaftler

Gunter Schmidt sagte in einem Interview vom Mai 1997 zu der Frage, was

er von der gegenwärtigen Darstellung des Themas "Pädophilie" in den

Medien halte, Folgendes:
"Zunächst halte ich den Begriff >Kinderschänder< für ganz furchtbar,

weil alles, vom Exhibitionismus bis Sexualmord, völlig undifferenziert

unter ihm subsummiert wird, das ist ein Rückfall in d(ie) 50er Jahre.

Dieser Begriff geht unkritisch durch alle Medien, Moderatorin und

Moderator der Tagesthemen benutzen ihn ebenso umstandslos und

antiaufklärerisch wie die Boulevard-Presse. I(m) Hinblick auf die

Vorgänge in Belgien17 ist der Begriff zudem eine fragwürdige

Verharmlosung. Der Begriff planiert Unterschiede, wo es um

Differenzierung geht, und verstellt den Weg zu einer ernsthaften

Debatte in der Öffentlichkeit. Er vernebelt und totalisiert: >Wer heute

ein Exhibitionist ist, wird morgen ein Mörder sein.< Pädophilie aber

hat nicht mehr mit Vergewaltigung und Sexualmord zu tun als

Heterosexualität (von mir hervorgehoben, d. V.).
Durch die Form der Thematisierung in den Medien ist auch die Situation

der Opfer schwieriger geworden, weil es auch zu einer öffentlichen

Stigmatisierung der Opfer kommt. Gerade bei den leichteren Fällen ist

es außerordentlich problematisch. Das Outen von Opfern (vor allem von

Kindern prominenter Eltern) in der Presse ist schädlich, denn diese

Kinder werden von NachbarInnen, FreundInnen, im Kindergarten und in der

Schule als Opfer behandelt. Die sexuelle Handlung mag für die Kinder

ganz furchtbar gewesen sein, aber diese öffentliche Stigmatisierung

verstärkt dies."18

Dieser populistische Kult um die "Triebtäter" kann auch als Amoklauf

des "gesunden Volksempfindens" betrachtet werden, wobei es auffallende

Parallelen zu Schauermärchen gibt, die früher über angebliche

Ritualmorde von Juden an christlichen Kindern erzählt wurden. Je

abwegiger die Ausgeburten der eigenen Spießerphantasie, desto größer

das Rachebedürfnis an den tatsächlichen oder vermeintlichen "Tätern".

Da es heutzutage nicht mehr opportun scheint, mal so ein kleines Pogrom

nebenbei zu veranstalten, delegiert man die Rolle des Rächers an den

Staat, der in genüsslich ausgemalten Szenarien, wo dem eigenen Sadismus

kaum verhüllt freien Lauf gelassen wird, aufgefordert wird, den

"Triebtätern" keine Chance mehr zu geben und sie "lebenslang

einzusperren". Aber mitunter stellt das den potenziellen Lynchmob auch

nicht mehr zufrieden, wie Beispiele aus den USA und England zeigen, wo

speziell im Falle der beiden damals Zehnjährigen, die einen

Zweijährigen umbrachten, dieser vor dem Lynchen von Kindern auch nicht

zurückgeschreckt wäre, hätte man ihn denn gelassen.19 Dieser Mob ist

der Treibsatz und "Urschlamm" des neuen Faschismus in der

Kontrollgesellschaft, ein Pesthauch, der immer stärker aus den

psychischen Untiefen der Extremisten der "Neuen Mitte" aufsteigt.

Es bleibt trotzdem ein Rest an Unerklärlichkeit an diesem Phänomen, der

seltsam obsessiven Faszination, mit der Medien und Öffentlichkeit sich

am Elend Anderer weiden. Sexuell motivierte Kindermorde sind in

Deutschland eigentlich sehr selten, durchschnittlich liegt die Anzahl

solcher Morde zwischen 6 bis etwa ein Dutzend pro Jahr. Wenn man z. B.

dagegen hält, dass allein ca. 500 Kinder pro Jahr im Straßenverkehr

sterben und etwa ebenso viele Kinder und Jugendliche sich jedes Jahr

umbringen bzw. Selbstmord begehen, so zeigen diese Zahlen auf, welch

unverhältnismäßig hohe Aufmerksamkeit solche Sexualmorde auf sich zu

ziehen vermögen. Natürlich ist jedes Kind, das ermordet wird, eines

zuviel, aber das gilt ebenso für diejenigen, die bspw. dem

Straßenverkehr zum Opfer fallen; Letztere aber nimmt man kaum bis gar

nicht zur Kenntnis, sie sind der "Preis des Fortschritts", den die

automobile Gesellschaft offenbar ohne mit der Wimper zu zucken zu

zahlen bereit und in der Lage ist.

Auf die Frage, ob er Erklärungen dafür habe, warum die sog.

"Pädophilie-/Missbrauchsdebatte" seit einiger Zeit so heftig geführt

werde, antwortete Gunter Schmidt 1997:
"Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht haben wir zu lange die

Augen verschlossen. Doch es gibt sicher mehrere Faktoren. Zum einen

verstößt Pädophilie gegen den Grundkonsens der heutigen Sexualmoral,

die eine Verhandlungsmoral ist (von mir hervorgehoben, d. V.).

Eigentlich eine ganz liberale Moral, die besagt, es ist alles erlaubt,

wenn es zwischen zwei gleichberechtigten PartnerInnen selbstbestimmt

ausgehandelt wird. Darum sind alle anderen sogenannten Perversionen

(oder: was man einmal so nannte), die konsensuell zwischen Erwachsenen

stattfinden, weitgehend außer Schussfeuer geraten. Die Pädophilie ist

nun eine der wenigen Sexualformen, die offenbar immanent und

unaufhebbar gegen Verhandlungsmoral und sexuelle Selbstbestimmung

verstößt, da es keine gleichwertigen Partner gibt. Zum anderen möchte

ich mit dem englischen Soziologen Chris Jenks darauf verweisen, dass

sich unser Bild von Kindheit in den letzten Jahrzehnten stark verändert

hat. Früher gab es ein unsentimentales, in die Zukunft gerichtetes Bild

von Kindern, sie sollten es besser haben als wir, aber auch für uns

sorgen, wenn wir alt werden. Heute ist dieses Bild einem mehr und mehr

nostalgischen Bild gewichen: Das Kind als der letzte Wilde, das

natürliche, das authentische, emotionale, schöne Wesen, nach dem wir

uns zurücksehnen. Dieser nostalgische, wehmütige Blick bewirkt

zweierlei: Zum Positiven einen klareren Blick für die Bedürfnisse des

Kindes, seine Wünsche, seine Verletzbarkeit. Zum Negativen einen

selbstidentifikatorischen Charakter unserer Beziehung zur Kindheit,

eine Tendenz, unsere eigenen Verletzungen in Kinder

hineinzuprojizieren, schlimmstenfalls eine selbstbezogene

Kindertümelei, wie sie paradoxerweise gerade bei vielen Pädophilen

anzu(treffen) ist. Ein weiteres Element ist sicherlich, dass sexuelle

Gewalt gegen Kinder in jüngster Zeit offenbar verstärkt in

organisierter Form auftritt, wie Belgien gezeigt hat. Der freie Markt

in seiner mafiösesten und brutalsten Form kolonisiert immer dreister

die verbotenen Sexualitäten, nicht nur die mit Kindern (von mir

hervorgehoben, d. V.). Und das ist sehr erschreckend. Ferner ist auch

die Sexualität von Kindern durch die Liberalisierung der letzten

Jahrzehnte sehr viel präsenter geworden, Kinder und Jugendliche

verstecken ihre Sexualität vor Erwachsenen weniger als in früheren

Generationen, sie tragen sie in die Familie: Sie reden mit Eltern über

Sex, sie machen ihre Doktorspiele unter den Augen der Eltern,

Jugendliche haben ihre sexuellen Beziehungen im Elternhaus,

beanspruchen früh, mit ihrem Liebsten oder ihrer Liebsten zu Hause zu

nächtigen. Viele Eltern macht dieser offensive Umgang ihrer Sprösslinge

mit der Sexualität etwas ratlos. Dadurch verändert sich die

Inzestspannung in den Familien erheblich. Durch Ausgrenzung und

Projektion wird das >sexuell Böse< dann nach außen getragen und dort

gesehen, bei anderen."20
Gunter Schmidt spricht hier einen entscheidenden Punkt an: zweifellos

hat es - auch durch die starke Verbreitung von Kinderpornografie durch

das Internet bedingt - eine Ausweitung der Käuflichkeit "perverser"

Sexualität in allen nur denkbaren Spielarten gegeben; die Pornofotos

müssen produziert und die Konsumenten solcher Pornos auch wenigstens ab

und an mit "Frischfleisch" versorgt werden, denn nur "Bilder kucken"

dürfte für die Meisten auf die Dauer zu langweilig sein. Aber

funktioniert nicht dieser Markt wie alle andere kapitalistischen

Marktsegmente auch, und ist der Sextourismus in die 3. Welt nicht

einfach auch durch den simplen Umstand zu erklären, dass die Menschen

dort außer ihren Körpern nicht viel zu verkaufen haben? Ob die Jungs

und Mädels da mit zwölf, vierzehn, sechzehn oder achtzehn auf den

Strich gehen, interessiert im Wesentlichen nur Journalisten, eine

Handvoll unermüdliche Sozialarbeiter in den Drittweltländern selbst und

einige profilierungssüchtige Staatsanwälte aus den Ländern der Freier.

Die Gesetze, die gegen Kinderprostitution erlassen wurden, kommen kaum

zur Anwendung und wenn, dann als spektakuläre Propagandainszenierungen

für die Kameras der reichen Freierstaaten, die damit ihr schlechtes

Gewissen beruhigen wollen. Ich kann mich an eine solche Inszenierung in

Thailand vor ein paar Jahren erinnern, wo eine Handvoll "Beach Boys",

sprich: Stricher an irgendeinem berüchtigten Sexstrand von der Polizei

wie in einer Treibjagd zusammengetrieben und umstellt wurden: eine

äußerst seltsame Methode, "Opfern" zu helfen. Oder nehmen wir das

Internet selbst: es ist keine große Kunst, trotz all dieser

"Sonderabteilungen" für Kinderprostitution und -pornographie bei der

Polizei, die im WWW nach "verdächtigen" Sites Ausschau halten, z. B.

Teenagersex en masse zu finden, auch hier in allen nur denkbaren

Varianten: im Lederoutfit, als Analnummer oder "sexy girls". Die

Mädchen und Jungen, die dort abgebildet sind, sind meistens wohl

OsteuropäerInnen oder AsiatInnen, und ob die 15, 16 oder 18 sind,

vermag ich nicht zu entscheiden, und damit die Ermittler wohl auch

nicht, oder? Zudem sind viele der Pornoabbildungen schon älter und

stammen z. T. noch aus den ziemlich liberalen, wilden 70ern.

Und hier stoßen wir wieder an die Altersfrage: wann ist ein Kind noch

Kind? Ich habe vor ungefähr zehn Jahren mal eine "sozialtherapeutische"

Ausbildung hinter mich gebracht, über deren Qualität und Seriösität ich

jetzt an dieser Stelle nicht rechten möchte: jedenfalls gab es dort

auch eine Unterrichtseinheit, die sich dem Thema "sexueller Missbrauch"

widmete. Die Referentin war eine "engagierte" Therapeutin, die von

dieser Thematik geradezu besessen schien. U. a. bekamen wir von ihr zu

hören, wenn sie von ihrer fünfzehnjährigen Tochter in Erfahrung

brächte, dass diese einen 20jährigen Freund hätte, würde sie ihr sofort

den Umgang mit diesem verbieten! So viel zum Thema

Selbstbestimmungsrecht. Und als ich sie zu fragen wagte, wie sie's denn

mit 12jährigen muslimischen Mädchen halte, die verheiratet würden,

funkelte sie mich mit ihren feurigen Augen nur böse an und meinte,

dafür sei sie nicht zuständig, das sei eine andere Kultur. Schon eine

Spezies für sich, diese "Kinderschützer".

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: auch ich bin für

Altersgrenzen,  und für meinen Geschmack sollte man sie irgendwo bei 13

oder 14 ansetzen, aber offenbar haben diese Altersgrenzen für die

Meisten lediglich einen symbolischen Wert als Initiationstermine, 

Durchgangsstadien ("rites de passage") oder imaginäre Schallmauern, die

man möglichst schnell - auch hier eine unfreiwillige Zweideutigkeit -

durchstoßen will. Oft genug sind diese Altersgrenzen reine Willkür und

für jeden Geschmack anders beschaffen. Und ebenso oft genug nichts

weiter als "pädagogische" Folterinstrumente zur Schikanierung junger

Menschen.

Ganz im Gegensatz zu dem, was die offiziöse Mythenbildung behauptet,

haben Rind, Tromovitch und Bauserman 1998 eine Meta-Analyse von

Literatur zu sexuellem Kindesmissbrauch durchgeführt und

herausgefunden, dass die pauschale Feststellung, dass sexuelle

Handlungen durch Erwachsene an Kindern durch die Bank für diese

schädlich seien, schlicht und ergreifend falsch ist.21 Daraus lassen

sich bestimmte Konsequenzen ziehen, die Thomas D. Oellerich in einem

Kommentar zu der Arbeit von Rind/Tromovitch/Bauserman wiefolgt

zusammenfasst:22
1.) Es besteht keinerlei Grund, sexuellen Kindesmissbrauch (abgekürzt

SKM) in jedem Fall für die alleinige Ursache von

Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter zu halten. Wenn solche

Störungen auftreten, dann hat dies in der überwiegenden Anzahl der

Fälle ganze Bündel von Ursachen, wobei SKM höchstens ein Faktor unter

vielen ist. Die statistischen Zusammenhänge zwischen SKM und

Persönlichkeitsbefunden werden jedenfalls dann nichtsignifikant, wenn

man die familiäre Situation als zusätzliche "Störgröße" einführt.23
2.) Es ist empfehlenswert, statt des pauschalen Begriffs "sexueller

Kindesmissbrauch" in der wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens

Pädosexualität zunächst neutralere Begriffe zu verwenden. Ob etwas

tatsächlich als SKM qualifiziert bzw. eingestuft werden kann oder

nicht, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die stattgehabte sexuelle

Erfahrung der/s Minderjährigen mit einem Erwachsenen bei Letzterem

spürbar negative Reaktionen auslöst(e) oder nicht. Bei Situationen, die

einvernehmlich erfolgten (wobei dann allerdings die Frage ist, was

unter "Einvernehmlichkeit" hier verstanden wird), sollte lediglich von

Sex mit Kindern bzw. Jugendlichen gesprochen werden. Man kann u. U.

diese Differenzierung noch weiter treiben, indem man z. B. bei

nicht-einvernehmlichen sexuellen Situationen immer von Missbrauch

spricht, gleichgültig, ob die Kinder bzw. Jugendlichen die sexuelle

Episoden als angenehm oder unangenehm empfanden.24
3.) Die Anerkennung missbräuchlicher und nicht missbräuchlicher

sexueller Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen verunmöglichst

keineswegs, derartige Beziehungen trotzdem als unmoralisch oder illegal

zu betrachten. Conte konnte aufzeigen, dass die Entscheidung darüber,

ob sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Nicht-Erwachsenen als

sozial erlaubt oder als unerwünscht gelten, von ethisch-moralischen und

religiösen Erwägungen abhängt und nicht von solchen, die die

Nicht-"Kindgemäßheit" solcher Akte in den Vordergrund stellen: noch vor

wenigen Jahrhunderten war es bspw. auch in Europa nichts Unübliches

bzw. Verwerfliches, dass Dreizehn- oder Vierzehnjährige heirateten,

eine soziale Gepflogenheit, die in muslimischen Ländern auch heute noch

weit verbreitet ist, zumindest bei Mädchen. (Davon abgesehen  sind

bestimmte Rituale aus medizinischer Sicht in der Tat

gesundheitsschädlich, wie z. B. die Klitorisbeschneidung bei kleinen

Mädchen.)25
4.) Letztlich ist ein Faktor zu nennen, der im Zusammenhang mit der

öffentlichen Hysterie um die "Kinderschänder" nicht vergessen werden

darf: die Psycho-Industrie, auch Missbrauchsindustrie genannt, ist ein

einträgliches Geschäft, besonders in Nordamerika.26 Costin, Karger und

Stoesz schreiben dazu Folgendes: "Die Wiederentdeckung der

Kindsmisshandlung durch den Mittelstand hat auch zum Wachstum einer

Kindsmissbrauchsindustrie geführt, die sich aus opportunistischen

Psychotherapeut(inn)en und aggressiven Anwält(inn)en zusammensetzt, die

vom sexuellen Kindsmissbrauch profitiert haben, indem sie Erwachsene

mit Erinnerungen an früheren sexuellen Missbrauch ausgeweidet und

diejenigen zu therapierter Erinnerung ermuntert haben, die keine solche

Erinnerungen hatten... Ganz offensichtlich war das psychologische

Paradigma vo(m) Kindsmissbrauch ein Geschenk des Himmels... für

Experten der geistigen Gesundheit, die nach neuen Krankheiten Ausschau

hielten. Unglücklicherweise fielen dieser neuen Industrie Erwachsene

zum Opfer, die Gefahr laufen, erneut zum Opfer zu werden, diesmal von

einer Kindsmissbrauchsindustrie, die nach neuen Formen ökonomischen

Wachstums sucht... Die breite Öffentlichkeit, die ein Herz hat für die

traurige Lage missbrauchter und vernachlässigter Kinder, merkt

ironischerweise nicht, dass sie einen Großteil der Kosten tragen muss

für einen außer Kontrolle geratenen und durch Nachfrage aufgeblähten

Apparat an Juristen und Therapeuten..."27
5.) Zumindest in den USA ist es so, dass missbrauchten Kindern eine

viel höhere therapeutische Aufmerksamkeit zuteil wird als anderweitig

geschädigten jungen Menschen. Ein Bericht des Nationalen Instituts für

Justiz von 1996 zeigte auf, dass bis zu 50 % der sexuell Missbrauchten

psychotherapeutische und/oder psychiatrische Betreuung erhielten, aber

nur 4 % der Opfer anderer Verbrechen. Die durchschnittlichen Kosten für

die Behandlung der sexuell Missbrauchten waren dabei nahezu 60 Mal

höher als bei anderen Opfergruppen.28
6.) Unter Umständen kann eine Therapie angeblichen oder tatsächlichen

SKM's sogar mehr schaden als nützen, besonders in Fällen, wo es um sog.

"Aufdeckungsarbeit" geht, d. h. um die Freilegung verdrängter oder

verschütteter Erinnerungen an Missbrauch in der (frühen) Kindheit.

Geradezu in Mode ist derzeit eine Diagnose, die sich Multiple

Persönlichkeitsstörung nennt: eine Person spaltet sich dabei in

vielerlei, manchmal Dutzende oder gar Hunderte von Teilpersönlichkeiten

auf, um auf diese Weise traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, und die

therapeutische "Aufdeckungsarbeit" soll dabei helfen, diese Aufspaltung

wenigstens teilweise wieder zurück zu bilden. Eine Untersuchung des

Opfer-Wiedergutmachungsprogramms des Staates Washington legt nahe, dass

solche Aufdeckungstherapien offenbar mehr Schaden anrichten als der

Heilung dienen. "Zwischen 1991 und 1995 wurden im Staate Washington in

325 Fällen Wiedergutmachungszahlungen für die Therapie verdrängter

Erinnerungen (aus)gesprochen. Loni Parr, eine Krankenschwester in

beratender Funktion, und Leute aus dem Betreuungsteam gingen 183 dieser

Fälle durch. Daraus wählten sie per Zufallsprinzip 30 aus, um ein

vorläufiges Profil dieser Fälle zu erstellen. Was sie herausfanden, war

alarmierend."29 Der Zustand der Patienten verschlimmerte sich während

der Behandlung teilweise dramatisch. Bevor diese ihre Erinnerung an den

sexuellen Missbrauch wieder erlangt hatten, waren 10 % von ihnen akut

selbstmordgefährdet; nach der Wiedererlangung der Erinnerung schnellte

diese Zahl auf 67 % hoch. Vor der Erinnerung waren 7 % hospitalisiert,

nachher 37 %; vorher hatten 3 % sich verstümmelt, nachher 27 %. Vor

Antritt der Therapie hatten 83 % eine Arbeit, nach dreijähriger

Behandlung nur noch 10 %. 93 % waren bei Beginn der Behandlung

verheiratet; innerhalb von fünf Jahren lebten 64 % der Patienten

geschieden oder getrennt. 21 der untersuchten 30 Patienten hatten

minderjährige Kinder; ein Drittel (7) verlor im Laufe der Therapie die

elterliche Sorge für ihre Kinder. Sämtlich alle waren mehr oder minder

stark von ihren Familien entfremdet worden.30

Diese geradezu vernichtende Bilanz, die für die selbsternannten

"Kinderschützer" und die damit zusammenhängende Psycho-Industrie nicht

gerade schmeichelhaft ist, kann nur auf folgende Punkte hinauslaufen,

wie sie von Oellerich zusammengefasst werden:31
* Die Öffentlichkeit muss dringendst über die Mythen informiert und

aufgeklärt werden, die das Problem des SKM umgeben. Das schließt u. a.

ein, "die Legende zu begraben, dass eine sexuelle Handlung, nur weil

sie eine moralische und/oder strafrechtliche Norm verletzt,

notwendigerweise oder sogar normalerweise zu psychischen Schäden

führe."32 M. a.  W.: Ungesetzlichkeit oder moralische Verwerflichkeit

haben nicht unbedingt etwas mit Schädlichkeit zu tun oder sind damit

gleichzusetzen.
* Die Aufstellung von Normen und die Kombination mit dem Mythos der

Schädlichkeit bei Nichtbefolgung kann für Jugendliche sogar ihrerseits

schädliche Auswirkungen haben, wie Schultz schon 1980 hervorhob: "Es

scheint, dass wir willkürlich Normen für Minderjährige aufstellen und

dann ein Abweichen davon als traumatisch bezeichnen. So ein Vorgehen

ist fachlich gesehen unethisch und schädigt möglicherweise

Minderjährige, die sexuelle Beziehungen mit andern unterhalten. Eine

unangemessene Trauma-Ideologie spielt den an die rechte Lehre

glaubenden Experten gegen das Kind oder die Eltern aus, die es anders

sehen. Es entsteht die Gefahr einer Art sich selbst erfüllender

Prophetie, die das Problem erst schafft, das sie angeblich verabscheut,

aber das sie im Grunde genommen braucht, um ihre Ideologie

aufrechtzuerhalten, die sich darauf stützt."33
* Man muss das zugegebenermaßen heikle Feld der sexuellen Beziehungen

zwischen Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen dringend

entideologisieren und endlich auf eine nüchterne wissenschaftliche

Grundlage stellen. Forschungen, wo das Ergebnis bereits von vornherein

feststeht ("Pädosexualität, in welcher Form auch immer, schadet

grundsätzlich"), sind unseriös und schaden letztlich der Legitimität

der Forschung selbst. Das Etikett "sexueller Missbrauch" sollte nur da

aufgeklebt werden, wo er wirklich stattgefunden hat und - wichtig! - wo

die Opfer das auch so empfinden und/oder die Folgen in der Tat

dramatisch sind. "Sexueller Missbrauch kann definiert werden als

unerwünschte sexuelle Erfahrung, die Gewalt, Drohung und/oder

nachweisbaren Schaden miteinschließt."34
* Es ist schlichter Unfug, tatsächliche oder vermeintliche SKM-Opfer

quasi automatisch einer Behandlung bzw. Therapie zuzuführen. Es  kann

nicht oft genug betont werden: SKM ist keine psychische Störung und

kein psychiatrisches Symptom, sondern ein real stattgehabtes

Geschehnis, das von den Beteiligten äußerst unterschiedlich

interpretiert und empfunden werden kann, vielleicht und unter Umständen

sogar als "schönes Erlebnis" und als "Sex, der Spaß gemacht hat". Wenn

dies so gewesen ist (mit Betonung auf: wenn), dann soll man die

Beteiligten auch gefälligst in Ruhe lassen und ihnen nicht etwas

einzureden trachten, was letztlich ein gesellschaftlich produziertes

Phantasma darstellt, das mit den realen Vorgängen ggf. überhaupt nichts

zu tun hat.35 Und erst dann, wenn nachweisbar eine massive Schädigung

vorliegt, sollte über therapeutische Maßnahmen nachgedacht werden, und

auch das erst bei akuter Gefährdung, z. B. Suizidalität; Vorsicht ist

auf jeden Fall, so oder so, angebracht. Aber grundsätzlich gilt:

"Kinder oder Jugendliche ohne Krankheitserscheinungen sollten nicht

therapiert werden."36
* Patienten, die dann tatsächlich eine Therapie wegen der Folgen von

SKM benötigen und vor allem aus eigenem Antrieb wünschen, sollten in

ihrem eigenen Interesse und auch gleichsam "der Fairneß halber" von

Beginn an auf mögliche ernsthafte Nebenwirkungen der Therapie

aufmerksam gemacht werden - wie ja auch heutzutage jedes Medikament,

das man in der Apotheke käuft, seinen Beipackzettel hat.37

Fassen wir zusammen: der Streit um den sexuellen Missbrauch ist eine

hochideologisierte Debatte, wo man als Mitdiskutant schnell "zwischen

alle Fronten" geraten und in ein mit gesellschaftlich produzierten

Phantasmen nur so bespicktes Minenfeld hinein laufen kann. Aber das

gesellschaftlich Imaginäre ist nicht bloßes Hirngespinst und

"spinnerte" Einbildung; es produziert Effekte und anonyme Strategien,

die den Gesellschaftskörper durchziehen und den "sozialen Habitus"

(Bourdieu) der Gesellschaftsmitglieder in starkem Maße mitbestimmen.38

Alle Kulturen, sog. "archaische" ebenso wie "traditionale" oder

"moderne", hatten und haben noch immer so ihre Schwierigkeiten mit

Erotik und Sexualität: den "Trieb" zu codieren und in sozial akzeptable

Bahnen zu lenken, ist eine Aufgabe, die immer nur sehr bruchstückhaft

und unter zum Teil großen Opfern und Leid zu gelingen scheint, oder, um

es in der berühmt gewordenen Formulierung von Adorno/Horkheimer aus der

Dialektik der Aufklärung zu sagen: "Furchtbares hat die Menschheit sich

antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete,

männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird

noch in jeder Kindheit wiederholt... Die Angst, das Selbst zu verlieren

und mit dem Selbst die Grenze zwischen und anderem Leben aufzuheben,

die Scheu vor Tod und Destruktion, ist einem Glücksversprechen

verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht

war."39 Und mitunter kann es auch geschehen, dass die Menschen aus

Angst vor dem Tod oder dem freien Fall ins soziale Nichts "in den Bann

eines jeglichen Despotismus... geraten" und eine "selbstzerstörerische

(...) Affinität zur völkischen Paranoia"40 aufweisen, (a)soziale

Verhaltensweisen von potentiellen Amokläufern, wie sie etwa in Teilen

der selbsternannten Rächer "geschändeter Kinder" und in durchgeknallten

Exemplaren von Vertretern von Missbrauchsindustrie und

"Kinderschutzbewegung" (leider) mehr und mehr zu beobachten sind.

Anmerkungen

1 Vgl.: Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution.

Entwurf einer politischen Philosophie, Frankfurt/Main 1990 (Suhrkamp).
2 Vgl.: Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der

gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt/Main 1987 (Suhrkamp).
3 Reimut Reiche, Eine Entgegnung: Socarides, der versteckt

Anti-Homosexuelle, in: Psyche 26, 1972, S. 477. Reiche bezog sich auf:

Charles Socarides, Der offen Homosexuelle, S. 105. Reiche zit. n.:

Klaus Theweleit, Männerfantasien 2. Männerkörper - Zur Psychoanalyse

des weißen Terrors, Reinbek b. Hamburg, Januar 1980, S. 310 (Rowohlt).
4 O. V., Pädophilie, URL: http://www.maennerberatung.de/paedophilie.htm

(o. O., o. J.)
5 Weil der Ausdruck "Pädophilie" wörtlich übersetzt "Liebe zu Kindern"

bedeutet, wird dieser in der Tat missverständliche Begriff in

sozialarbeiterischen und therapeutischen Kreisen häufig durch

"Pädosexualität" ersetzt, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig

lässt.
6 O. V., Pädophilie, URL:

http://www.maennerberatung.de/paedophilie.htm, a. a. O.
7 Mit anderen Worten: Alles ist möglich, nichts Genaues weiß man nicht.

Anm. von mir, d. V.
8 Klinisch-diagnostische Leitlinien, F65.4 Pädophilie,
URL: http://www.informatik.fh-luebeck.de/icdger/f65_4.htm.
9 Ebd., a. a. O.
10 Vgl.: Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des

Gefängnisses, Frankfurt/Main 1976 (Suhrkamp).
11 Vgl.: Michael Hardt/Antonio Negri, Empire - Die neue Weltordnung,

Frankfurt/New York 2002, S. 334 ff. (Campus).
12 Vgl.: Carsten Brieger, Globalisierte Wohnwelt. Ein Plädoyer für

stadtorientierte Wohnungspolitik, Hamburg 2000, insb. S. 77 ff. (IfdW).
13 Vgl.: Peter Lock, Sicherheit à la carte? Entstaatlichung,

Gewaltmärkte und die Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols, in:

Tanja Brühl/Tobias Debiel/Brigitte Hamm/Hartwig Hummel/Jens Martens

(hrsg.), Die Privatisierung der Weltpolitik. Entstaatlichung und

Kommerzialisierung im Globalisierungsprozess , Bonn 2001, S. 200-229

(Dietz; EINE WELT: Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden).
14 Gemeint ist hier - vereinfacht gesagt - die staatliche Souveränität

des Nationalstaates.
15 Negri/Hardt, Empire, a. a. O., S. 337 f.
16 Ebd., S. 339.
17 Gemeint ist die Dutroux-Affäre, Anm. d. V.
18 Pädophilie - Interview mit Gunter Schmidt, Professor für

Sexualwissenschaft an der Abteilung für Sexualforschung der Universität

Hamburg, am 20. 5. 1997, URL:

http://schwule.asta.uni-hamburg.de/paedophilie.html, Ausdruck S. 4 f.
19 Ähnliches ereignete sich später, als die beiden jugendlichen Mörder

aus der Haft entlassen wurden.
20 Interview mit Gunter Schmidt, a. a. O., S. 5 f.
Vgl. hierzu auch:
Gunter Schmidt, Das Verschwinden der Sexualmoral. Über sexuelle

Verhältnisse, Hamburg 1996.
Martin Dannecker, Sexueller Missbrauch und Pädosexualität, in: Volkmar

Sigusch (hrsg.), Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, Stuttgart/New

York 1996, S. 266-275.
Rüdiger Lautmann, Die Lust am Kind. Porträt des Pädophilen, Hamburg

1994.
Rainer Hoffmann,  Die Lebenswelt der Pädophilen: Rahmen, Rituale und

Dramaturgie der pädophilen Begegnung, Opladen 1996.
21 Vgl.: B. Rind/P. Tromovitch/R. Bauserman, A meta-analytic

examination of assumed properties of child sexual abuse using college

samples, in: Psychological Bulletin, 124, 1998, S. 22-53.
Vgl. auch: B. Rind/P. Tromovitch, A meta-analytic review of findings

from national samples on psychological correlates of child sexual

abuse, in: Journal of Sex Research, 34, 1997, S. 237-255.
22 Vgl.: Thomas D. Oellerich, Rind, Tromovitch und Bauserman: Ihre

meta-analytische Studie ist politisch "unkorrekt", doch

wissenschaftlich hieb- und stichfest, in: Sexualität und Kultur, 4 (2),

2000, S. 67-81, URL:
http://www.arcados.ch/wissen/oellerich.rtb2001pa.html. (Thomas

Oellerich, School of Social Work, Ohio University, 148 Morton Hall,

Athens, OH 45701 (oelleric@aok.cats.ohiou.edu))
23 Vgl. ebd., S. 3
24 Vgl. ebd.
25 Vgl.: J. R. Conte, The effects of sexual abuse on children : A

critique and suggestions for future research, in: Victimology: An

International Journal, 10, 1985, S. 110-130.
26 Vgl.: T. Dineen, Manufacturing victims: What the psychology industry

is doing to people, 2nd edition, Montreal 1998 (Robert Davies).
27 L. Costin/H. J. Karger/D. Stoesz, The politics of child abuse in

America, New York 1996, S. 7 (Oxford University Press). Zit. n.: Thomas

D. Oellerich, Rind, Tromovitch und Bauserman: Ihre meta-analytische

Studie ist politisch "unkorrekt", doch wissenschaftlich hieb- und

stichfest, in: Sexualität und Kultur, 4 (2), 2000, S. 67-81, URL:

http://www.arcados.ch/wissen/oellerich.rtb2001pa.html, hier

Online-Version S. 4 f.
28 Vgl.: Oellerich, a. a. O., Online-Version, S. 5.
29 Ebd., S. 7.
30 Vgl. ebd..
Vgl. hierzu auch: E. F. Loftus, Repressed memory accusations:

Devastated families and devastated patients, in: Applied Cognitive

Psychology, 11, 1997, S. 25-30.
31 Vgl.: Oellerich, a. a. O., Online-Version, S. 7 ff.
32 Ebd., S. 7.
33 L. G. Schultz, Diagnosis and treatment - introduction, in: L. G.

Schultz (ed.), The sexual victimology of youth, Springfield IL, 1980,

S. 39-42, hier S. 40. Zit. n.: Oellerich, a. a. O., S. 8.
34 Oellerich, a. a. O., S. 8.
35 Vgl.: D. Finkelhor/L. Berliner, Research on the treatment of

sexually abused children: A review and recommendations, in: Journal of

the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 34, 1995, S.

1408-1423.
Vgl. auch: D. Finkelhor, What's wrong with sex between adults and

children?: Ethics and the problem of sexual abuse, in: American Journal

of Orthopsychiatry, 49, 1979, S. 692-697.
36 Oellerich, a.a . O., S. 8.
37 Vgl. ebd., S. 9.
38 Vgl.: Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der

Wille zum Wissen, übersetzt von Ulrich Raulff und Walter Seitter,

Frankfurt/Main 1977 (Suhrkamp).
Vgl. auch: Jacques Donzelot, Die Ordnung der Familie, übersetzt von

Ulrich Raulff und einem Nachwort von Gilles Deleuze, Frankfurt/Main

1979 (Suhrkamp).
39 Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung.

Philosophische Fragmente (1947), 6. Auflage, Frankfurt/Main, Mai 1979, 

S. 33 (Fischer).
40 Ebd., S. 3.

 

 


 

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