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Wenn man sich den heutigen Zustand arabischer und afrikanischer Staaten anschaut, so ist es umso erstaunlicher, dass Frantz Fanon in seinem kurz vor seinem Tod erschienenen Hauptwerk "Die Verdammten dieser Erde" (1961) die sich jetzt abzeichnenden Entwicklungen schon vor 40 Jahren praktisch vorausgesehen hat. Er blieb ja bei der Analyse der antikolonialen Befreiungsbewegungen nicht stehen, sondern hat sich auch Gedanken darüber gemacht, wie es nach den Revolutionen in den in die "Unabhängigkeit" entlassenen afrikanischen resp. arabischen Staaten weitergehen sollte und hat sehr klarsichtig die Rolle der nationalistischen Eliten und deren absehbaren Zerfall vorweggenommen - eine Entwicklung, die die Vorstufe der heutigen autoritären Regime und deren fundamentalistischen Zerfallsprodukte bildete.

Zitate aus F. Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Reinbek b. Hamburg, 4. Auflage, Juni 1971:

"Dieser spektakuläre Voluntarismus, der mit einem Schlage das kolonisierte Volk zur absoluten Souveränität führen sollte, alle Teile der Nation mit dem gleichen Schwung in der gleichen Erleuchtung mit sich reißen zu können, diese Kraft, die die Hoffnung begründete, offenbaren sich der Erfahrung als eine sehr große Schwäche. Solange er glaubte, ohne Übergang vom Status eines Kolonisierten zum Status des souveränen Staatsbürgers eienr unabhängigen Nation gelangen zu können, solange er sich an das Trugbild der unmittelbaren Wirksamkeit seiner Muskeln hielt, machte der Kolonisierte keine wirklichen Fortschritte auf dem Wege der Erkenntnis. Sein Bewußtsein bleibt rudimentär. Der Kolonisierte wirft sich... mit Leidenschaft in den Kampf, besonders dann, wenn es ein bewaffneter Kampf ist... Der antirassische Rassismus und der Wille, seine Haut zu retten, der die Antwort des Kolonisierten auf die  koloniale Unterdrückung kennzeichnet, stellen natürlich hinreichende Gründe dar, sich in den Kampf zu stürzen. Aber man kann nicht einen Krieg durchstehen, eine ungeheure Unterdrückung ertragen, den Verlust der ganzen Familie erleben, um dann Haß oder Rassismus siegen zu lassen. Der Rassismus, der Haß, das Ressentiment, das >legitime Rachebedürfnis< können keinen Befreiungskrieg unterhalten. Diese Blitze im Bewußtsein, die den Körper auf stürmische Wege werfen, ihn in einen quasi pathologischen Traumzustand fallen lassen, wo das Gesicht des anderen mich in einen Taumel stürzt, wo mein Blut nach dem Blut des anderen schreit, diese große Leidenschaft der ersten Stunde bricht auseinander, wenn sie sich von ihrer eigenen Substanz ernähren will. Es ist wahr, daß die nie endenden Übergriffe der kolonialistischen Streitkräfte die emotionalen Elemente immer wieder in den Kampf einführen, dem Militanten neue Motive für seinen Haß geben... Aber der Führer des Aufstands erkennt täglich mehr, daß der Haß allein kein Programm liefern kann..." (S. 107, S. 107 f.)

"All diese Erklärungen, diese ununterbrochenen Aufklärungen des Bewußtseins, dieses langsame Fortschreiten auf dem Weg der Erkenntnis von der Geschichte der Gesellschaften, sind nur im Rahmen einer Organisation, einer Mobilisierung des Volkes möglich. Diese Organisation wird durch die revolutionären Elemente geschaffen, die zu Beginn des Aufstands aus den Städten gekommen sind oder sich im Laufe des Kampfes dem Land anschließen. Dieser Kern bildet den embryonalen politischen Organismus des Aufstands. Aber auch die Bauern, die ihre Kenntnisse durch konkrete Erfahrung erweitern, erweisen sich durchaus als fähig, den Kampf des Volkes zu führen. Es entsteht ein Strom der gegenseitigen Belehrung und Bereicherung zwischen der kämpfenden Nation und ihren Führern... Der bewaffnete Militante ist nämlich verärgert darüber, daß viele Eingeborene ihr Leben in den Städten fortsetzen, als ob sie mit dem, was in den Bergen passiert, nichts zu tun hätten, als ob sie nicht wüßten, daß die entscheidende Bewegung begonnen hat. Das Schweigen der Städte, die Fortsetzung des alltäglichen Trotts machen auf den Bauern den schmerzlichen Eindruck, daß ein ganzer Sektor der Nation sich damit begnügt, den Ausgang des Spiels abzuwarten. Diese Feststellungen empören die Bauern und bestärken sie in ihrer Neigung, die Städter zu verachten und pauschal zu verurteilen. Der politische Kommissar wird sie dazu bringen müssen, diese Ansicht durch die Erkenntnis zu differenzieren, daß bestimmte Teile der Bevölkerung Sonderinteressen besitzen, die sich nicht immer mit dem nationalen Interesse decken. Das Volk begreift dann, daß die nationale Unabhängigkeit eine Vielfalt von Realitäten zutage treten läßt, die manchmal divergierend und antagonistisch sind. Genau in dem Moment des Kampfes ist das Erklären von entscheidender Bedeutung, weil es das Volk von einem allgemeinen und undifferenzierten Nationalismus zu einem sozialen und wirtschaftlichen Bewußtsein übergehen läßt. Das Volk, das zu Beginn des Kampfes den primitiven Manichäismus des Kolonialherrn angenommen hat - die Weißen und die Schwarzen, die Araber und die Roumis (arabisches Wort für die Nicht-Eingeborenen, Anm. der Übersetzung) -, stellt jetzt kraft seiner Erfahrung fest, daß es Schwarze gibt, die weißer sind als die Weißen, und daß die Aussicht auf eine Nationalflagge, die Eventualität einer unabhängigen Nation bestimmte Bevölkerungsschichten nicht automatisch dazu bringt, auf ihre Privilegien und ihre Interessen zu verzichten. Das Volk erkennt, daß andere Eingeborene ihren Geschäftssinn nicht zurückstellen, sondern ganz im Gegenteil vom Krieg zu profitieren scheinen, um ihre materielle Situation und ihre entstehende Macht zu verstärken. Die Eingeborenen treiben Handel und erzielen regelrechte Kriegsprofite auf Kosten des Volkes... Der Kämpfer, der mit rudimentären Mitteln der kolonialistischen Kriegsmaschine die Stirn bietet, muß feststellen, daß er zur gleichen Zeit, da er die koloniale Unterdrückung abbaut, auf Umwegen dazu beiträgt, einen neuen Ausbeutungsapparat aufzubauen..." (S. 111/112)

"Der nationalistische Militante, der, verbittert über die demagogischen und reformistischen Taktiken der Parteiführer und enttäuscht von der >Politik< der Stadt entflohen war, entdeckt in der konkreten Praxis eine neue Politik, die gar keine Ähnlichkeit mehr mit der alten hat... Ohne diesen Kampf, ohne diese Erkenntnis in der Praxis ist alles nur Karneval und Tralala: ein Minimum an Neuordnung, eine paar Reformen an der Spitze, eine Nationalflagge und ganz unten die unteilbare, immer noch >mittelalterliche< Masse, die in ihrer dumpfen Bewegung verharrt." (S. 114)

"Das nationale Bewußtsein wird, statt der koordinierten Kristallisation der innersten Bestrebungen des gesamten Volkes, statt des unmittelbaren und handgreiflichsten Produkts der Volksmobilisierung, in jedem Fall nur eine zerbrechliche, grobe Form ohne Inhalt sein. Die Brüche, die man in ihm entdeckt, erklären zur Genüge die Leichtigkeit, mit der man in den jungen unabhängigen Ländern von der Nation wieder zur ethnischen Gemeinschaft, vom Staat wieder zum Stamm übergeht. Diese Risse geben über die Rückfälle Aufschluß, die dem nationalen Aufschwung, der nationalen Einheit so schädlich, so abträglich sind. Wir werden sehen, daß diese Schwächen und die schwerwiegenden Gefahren, die sie einschließen, das historische Ergebnis der Unfähigkeit der nationalen Bourgeoisie in den unterentwickelten Ländern sind, die Volkspraxis zu rationalisieren, das heißt die Vernunft aus ihr abzuleiten...
Die nationale Bourgeoisie, die am Ende des Kolonialregimes die Macht übernimmt ist eine unterentwickelte Bourgeoisie. Ihre ökonomische Macht ist fast Null und jedenfalls nicht an der Macht der Bourgeoisie des Mutterlandes zu messen, die sie abzulösen gedenkt. In ihrem voluntaristischen Narzißmus hat sich die nationale Bourgeoisie leicht davon überzeugt, daß sie die Bourgeoisie des Mutterlandes vorteilhaft ersetzen könne. Aber die Unabhängigkeit, von der sie schlankweg in die Enge getrieben wird, löst katastrophale Reaktionen aus und zwingt sie zu angstvollen Appellen an die Adresse des ehemaligen Mutterlandes. Die Universitäts- und Geschäftseliten, die die aufgeklärteste Fraktion des neuen Staates bilden, sind nämlich gekennzeichnet durch ihre geringe Zahl, ihre Konzentration in der Hauptstadt und die Art ihrer Tätigkeit: Handel, landwirtschaftliche Unternehmen und freie Berufe. Es ist eine Bourgeoisie ohne Industrielle und Finanzleute. Die nationale Bourgeoisie der unterentwickelten Länder ist nicht auf Produktion, Erfindung, Aufbau und Arbeit ausgerichtet, sie ist ausschließlich an Vermittlungstätigkeiten interessiert. Ins Geschäft einzusteigen, auf dem laufen zu bleiben, erscheint ihr als ihre eigentliche Berufung. Die nationale Bourgeoisie hat die Psychologie von kleinen Geschäftemachern, nicht von Industriekapitänen... Diese unterentwickelte, zahlenmäßig schwache, kapitallose Bourgeoisie, die den revolutionären Weg ablehnt, wird nach der Unabhängigkeit jämmerlich stagnieren... Aus ihrer notwendig beschränkten Perspektive ist eine nationale Wirtschaft eine auf den sogenannten Lokalprodukten basierende Wirtschaft. Große Reden werden  über das Handwerk gehalten. Bei der Unmöglichkeit, für das Land und für sich rentablere Fabriken aufzubauen, umgibt die Bourgeoisie das Handwerk mit einer chauvinistischen Zärtlichkeit, die in die Richtung der neuen nationalen Würde geht und ihr übrigens substantielle Profite verschafft. Dieser Kult der Lokalprodukte, diese Unmöglichkeit, neue Richtlinien zu finden, zeigt sich auch darin, daß die nationale Bourgeoisie in der typisch kolonialen Landwirtschaftsproduktion steckenbleibt.
Die nationale Wirtschaft der Unabhängigkeitsperiode wird nicht umorientiert. Es geht immer noch um Erdnuß-, Kakao- und Olivenernten. Auch im Handel mit Grundprodukten ist keien Veränderung eingetreten. Keine Industrie wird aufgebaut. Man fährt fort, Rohstoffe zu exportieren, sich zu kleinen Landwirten für Europa, zu Spezialisten in Rohprodukten zu machen." (S.115-117)

"In ihrer Dekadenz wird die nationale Bourgeoisie von den westlichen Bourgeoisien beträchtlich unterstützt, die jetzt als Touristen auftreten verliebt in Exotismus, Jagd und Casinos. Die nationale Bourgeoisie organisiert Erholungs- und Entspannungszentren und Vergnügungskuren für die westliche Bourgeoisie. Diese Tätigkeit nimmt den Namen >Tourismus< an und wird je nach den Umständen der nationalen Industrie angepaßt. Wer ein Beispiel für eine solche Umwandlung der ex-kolonisierten Bourgeoisie in einen Veranstalter von >Parties< für die westliche Bourgeoisie haben will, braucht nur an Lateinamerika zu denken. Die Casinos von Havanna und Mexico, die Strandbäder von Rio, die kleinen Brasilianerinnen, die dreizehnjährigen Mestizinnen, Acapulco, Copacabana sind die Stigmata dieser Verkommenheit der nationalen Bourgeoisie. Ohne Einfälle, auf sich selbst zurückgezogen, abgeschnitten vom Volk, geschwächt durch ihre angeborene Unfähigkeit, den Problemzusammenhang unter dem Aspekt der gesamten Nation zu durchdenken, übernimmt die nationale Bourgeoisie die Rolle eines Geschäftsführers in Unternehmen des Westens und macht ihr Land zu einem Bordell Europas. Noch einmal, man muß sich das jämmerliche Schauspiel gewisser lateinamerikanischer Republiken vor Augen führen. Nach einem kurzen Flug landen die Geschäftsleute der Vereinigten Staaten, die dicken Bankiers, die Technokraten >in den Tropen< und stürzen sich für acht bis zehn Tage in die süße Verderbnis, die ihre >Reservate< ihnen bieten." (S. 118 f.)

"Wenn die von der Bourgeoisie erhobene Forderung nach Negrisierung und Arabisierung der Kader nicht von einem authentischen Nationalisierungsunternehmen herrührt, sondern bloß dem Streben entspricht, die bisher vom Ausland besetzten Machtpositionen der Bourgeoisie zu übertragen, stellen die Massen auf ihrer Ebene die gleiche Forderung, wobei sie nur den Begriff >Neger< oder >Araber< auf die territorialen Grenzen beschränken. Zwischen den klangvollen Beteuerungen der Einheit des Kontinents (Afrika, kwp) und diesem den Massen von den Kadern inspirierten Verhalten gibt es zahlreiche Zwischenstufen. Man erlebt ein ständiges Hin und Her zwischen der afrikanischen Einheit, die mehr und mehr im Nebelhaften verschwindet, und einer hoffnungslosen Rückkehr zum widerwärtigsten und gehässigsten Chauvinismus." (S. 121 f.) 


 

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