amok

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Datum: 03.05.2002 16:32:10 Westeuropäische Normalzeit
Amok - zu den "Ereignissen" in Erfurt


Liebe MitdiskutantInnen,

ich glaube, diejenigen haben Recht, die davor warnen, "Schnellschüsse" zu produzieren und lange schon bereit gelegte Erklärungsmuster zu reproduzieren (Isolation, Langeweile, Notendruck, Gewalt durch Video- und Computerspiele etc.); das sollten wir lieber der Journaille, den wahlkämpfenden Politikern und diesen notorisch-unerträglichen Werte-und-Normen-Untergang-des-Abendlandes-Schwätzern überlassen. Die kochen alle schon wieder ihr Süppchen, und wollen sich auf Kosten von Toten profilieren. Das ist alles nur noch ekelhaft und spiegelt nur den dekadenten Zustand dieser ach so tollen "freien" und "pluralistischen" Gesellschaft wider.

Soziologie (ich bin ein Vertreter dieser Zunft), Psychologie, Therapie, überhaupt Wissenschaft hat wie früher die Religion auch die Funktion, den Schrecken zu bannen, der durch anscheinend "Unerklärliches" hervorgerufen wird. Wir sind, jedenfalls wenn wir noch einigermaßen "normal" ticken, erst mal rat- und hilflos, wenn wir eine solche Nachricht hören, vor allen Dingen dann, wenn es "unsergleichen" trifft. Seien wir ehrlich: der 11. September hat die Meisten mehr getroffen als Horrornachrichten aus Afghanistan, und Erfurt liegt uns wesentlich näher als Horrornachrichten aus der "3. Welt". Wir machen sehr wohl Unterschiede in der Wertigkeit von (Horror-)Meldungen, und es wäre schon mal ein erster Schritt, das überhaupt zuzugeben. Das wäre das Eine.

Zum Anderen geht es aber auch nicht darum, allgemeine Aussagen auf einen Einzelfall herunter zu brechen. Der Einzelfall kann nur als Anlass genommen werden, über bestimmte Dinge nachzudenken und einfach zu konstatieren, dass der Zustand dieser Gesellschaft zunehmend einer schiefen Ebene gleicht, wo Alles immer mehr ins Rutschen zu kommen scheint.

Was in Robert S. und anderen Menschen vorgeht, die solche Taten vollbringen, lässt sich immer nur bis zu einem gewissen Grad rekonstruieren; letzten Endes bleibt immer ein Rest Unerklärliches. Um ein solches Psychogramm zu rekonstruieren, fehlen einfach auch noch bestimmte Informationen, die durch Vermutungen zwangsläufig ersetzt werden müssen. Um sich einem Menschen anzunähern, sind wir aber überhaupt immer auf a) unsere eigenen Vorerfahrungen (unsere "Menschenkenntnis") und b) unsere eigenen theoretischen Vorkenntnisse verwiesen, anders kann es gar nicht funktionieren. Das gilt für den "ganz normalen Wahnsinn des Alltags", wie erst für solch einen! Deshalb bleibt einem gar nichts Anderes übrig, als sich z. B. selber zu erinnern (was ich in meinem ersten Beitrag versucht habe) oder aber Faktoren zu benennen, die bestimmte Entwicklungen begünstigen oder hemmen. Dazu gehören auch z. B. allgemeine Beobachtungen, die Entwicklungstrends einer Gesellschaft anzeigen. Also wenn man sich die Website von "Counterstrike" ansieht, so dürfte auffallen, dass dieses Spiel wohl eine "patriotische" Reaktion auf den 11. September und den Afghanistan-Krieg darstellt. Jedenfalls steht es im Kontext des Propagandakriegs der USA im Rahmen des "war on terrorism" - was die bürgerliche Medienkritik geflissentlich nicht wahrzunehmen scheint.

"Ego-Shooters" sind die Quintessenz der bürgerlich-kapitalistischen Konkurrenz, hier wird der bürgerlichen Ideologie ihre eigene Melodie vorgespielt, was für diese freilich unerträglich scheint. Und was im Falle Robert S. immerhin aufzufallen scheint, ist, dass dieser mehrfach Versuche unternahm, die Voraussetzungen zu erfüllen, um in diese Gesellschaft (wieder) einzusteigen - freilich vergeblich, aus welchen Gründen auch immer. Er hielt vor seinen Eltern verborgen, dass er von der Schule geflogen war, ein halbes Jahr spielte er ihnen eine Komödie vor, verließ das Haus, tat so, als ob er in die Schule geht - und bereitete in Wirklichkeit das Attentat vor. Er hat sich wohl selbst systematisch in seinen Hass hinein gesteigert, es muss wohl eine enorme Autosuggestion vorliegen, einen solchen Bewusstseinszustand zu erlangen - das ist - vermutlich - sein nicht weiter reduzierbarer Eigenanteil an dieser Katastrophe. (Das ist eine Vermutung, sicher, aber ich denke, die eine gewisse Plausibilität für sich beanspruchen kann.)
Könnte es nicht so sein, dass hier das Bewusstwerden der Tatsache, dass man nie das erreichen wird, was von einem verlangt wird (und was man eventuell von sich selbst verlangt), den Amoklauf ausgelöst hat? Immerhin ist ebenso auffällig, dass die meisten Amokläufer junge Männer zwischen 16 bis 30 sind, die aus der berühmten "Mitte der Gesellschaft" stammen, im Alltag eher schüchtern und gehemmt wirken und ihn die hohe Erwartungen gesetzt werden, die sie aber zu erfüllen nicht in der Lage sind - trotz aller Anstrengungen. Es sind eben nicht die Straßenjungs und Lumpenproleten, die so was tun. Die erwarten eh nichts mehr von sich und der Gesellschaft - und dementsprechend besteht auch für sie kein Grund, sich an einer Gesellschaft zu rächen, die an sie Erwartungen heranträgt, denen sie nicht gerecht werden können. Die Gesellschaft hat sie abgeschrieben - und dementsprechend beschränken sie sich darauf, als Kleinkriminelle zu agieren, um sich irgendwie durchs Leben zu schlagen.

Solche sozialen Katastrophen lassen den Alltag in einem neuen Licht erscheinen, der alltäglichen Wahnsinn, den wir für normal halten, erhält eine grelle Beleuchtung aus einer die "Stinos" und "Normalos" verstörenden Richtung. Es wird zwar von einer "Amerikanisierung der Verhältnisse" gesprochen, aber was das konkret bedeutet, bleibt fürderhin unklar - es kann damit nicht nur gemeint sein, dass die Anzahl und die Gewalttätigkeit von Amokläufen zunehmen wird.

Ich habe mich selbst im März in den USA an der Ostküste aufgehalten, in Philadelphia und New York, um genau zu sein. Meine Eindrücke von dort waren ziemlich zwiespältig und andererseits habe ich trotzdem den "Durchschnittsamerikaner" schätzen gelernt - es ist wirklich eine enorme soziale Leistung (so wie es für einen Europäer aussieht), in einer unwirtlichen Umgebung, in der alles provisorisch und wie "auf Abruf" wirkt, soziale Inseln zu schaffen, in denen es sich halbwegs leben lässt.

Als ich in Philadelphia war, tobte dort ein "Schulkampf", von dem man in Europa nichts vernahm. Jeder US-Amerikaner, der etwas auf sich hält und es sich irgendwie leisten kann, schickt seine Kinder auf Privatschulen - für durchschnittlich 1000 bis 2000 $ pro Monat -, weil die Qualität der öffentlichen Schulen, besonders in den Großstädten, jeder Beschreibung spottet: Drittweltniveau. Das liegt auch daran, dass in den USA das neoliberale Spielchen bis zum Exzess getrieben wird, und das sieht folgendermaßen aus: die reicheren Suburbs spalten sich von den Großstädten ab, erklären sich zu eigenständigen Städten bzw. Countys (Bezirken) und erhalten damit die eigene Steuerhoheit; dementsprechend sind die Steuersätze - z. B. für Freiberufler - in Suburbia niedriger als in den Städten. Im Falle von Philadelphia (4 Mio Einwohner) wohnte ich nicht direkt dort, sondern in Upper Darby, einem 90.000-Einwohner-Städtchen, das vom Stadtbild her eindeutig zu Philadelphia gehört (fließender Übergang), aber sich eben abgespalten hat. Zwischen dem wohlhabenden Universitäts- und Bankenviertel "Philly's" und dem wieder wohlhabenden Upper Darby lag das Schwarzenghetto als "Pufferzone", wo sich übrigens eine Filiale von Aldi befand (also die wissen schon, wo sie sich niederlassen) - aber das nur nebenbei.

Ergebnis dieser Abspaltungspolitik der reicheren Kommunen: die Großstädte bluten finanziell aus. Philadelphia ist ein besonders drastisches Beispiel: die Schulden der öffentlichen Schulen betragen dort alleine 200 Mio $. Um Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden und einen Überbrückungskredit zu erhalten, sah sich die Schulbehörde gezwungen, einen Teil des öffentlichen Schulbetriebs zu privatisieren - Dinge wie Unterrichtsorganisation, Catering und "Konfliktmanagement" sollen fortan in privaten Händen liegen. Zu der Zeit, als ich da war, gab es zum Thema Teilprivatisierung öffentliche Anhörungen der Schulbehörde - dies war das demokratische Alibi zu dem, was schon längst vorher feststand. Es gab lautstarke Elternproteste, die Anhörung, die von vornherein eine Farce war, drohte in einem Eklat zu enden. Eltern hielten Spruchbänder hoch und hatten es ihren Kindern auf die Stirn geklebt, wie man im "Philadelphia Inquirer" nachlesen konnte: "Unsere Kinder sind kein Handelsgut" oder "Wir lassen unsere Kinder nicht verkaufen". Es half alles nichts, der "Kompromiss" wurde durchgezogen - zunächst werden Verträge mit den Privatfirmen über zwei Jahre abgeschlossen, "dann sehen wir weiter". Besondere Brisanz erhielt dieser Vertragsabschluss dadurch, dass eine dieser Privatfirmen in den Enron-Skandal verwickelt war.

Also, der gute alte Neoliberalen-Trick, zunächst die öffentlichen Kassen zu ruinieren, um dann im Anschluss daran die Privatisierer als die Retter in der Not zu präsentieren, funktioniert in den USA immer noch ausgezeichnet. Was auch bei uns sicher so manches Politikaster-Herz noch höherschlagen lassen wird.

Teenager zu sein macht im Moment in den USA überhaupt keinen Spaß mehr. Es ist so ziemlich alles verboten, was Spaß macht. Die Durchprivatisierung des öffentlichen Lebens hat ihr Pendant in einer penetranten und aufdringlichen Moralisierungskampagne. Ständig und überall erinnern Poster und Broschüren daran, wie man sich zu benehmen hat. Von der Aufforderung in der Ubahn, nicht die Füße auf die Sitze zu legen, bis zur Aufforderung, leise ins Handy zu sprechen. Das sind die noch eher harmlosen Beispiele. Besonders penetrant sind die Sendungen im Kabelfernsehen, wo Zivilprozesse nachgespielt werden (z. B. "Texas Justice" o. ä.), in denen der Richter Eltern mit dem Hammer in der Hand daran erinnert, dass sie gefälligst auf ihre Teenager aufpassen sollen - sonst werden sie zur Kasse gebeten. Und das nicht einmal, sondern mehrmals pro Stunde. Es gibt Sendungen, wo über den moralischen Verfall der Jugend geklagt und wo gefordert wird, dass die Familien von Rauschgiftsüchtigen nach der Methode "Sippenhaft" kollektiv aus ihren Wohnungen im sozialen Wohnungsbau rausfliegen sollen - was in Philadelphia auch ernsthaft erwogen wird.

Dieses Land ist geradezu in einem Rausch von öffentlichem Tugendterror befangen.

Mitten auf einer Verkehrsinsel auf dem Times Square in New York steht übrigens ein Rekrutierungsbüro der US-Armee, und Uncle Sam zeigt mit dem Finger auf dich.

Man muss sich wirklich wundern, warum nicht noch mehr Leute Amok laufen.............
 
kwp

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